Hören ist eine zentrale Voraussetzung für Kommunikation, Orientierung und kognitive Aktivität. Es verbindet Menschen miteinander und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe bis ins hohe Alter. Einschränkungen des Hörvermögens wirken sich daher nicht nur auf das Sprachverstehen aus, sondern beeinflussen auch Lebensqualität und soziale Integration. Umso wichtiger ist daher eine frühzeitige Hörvorsorge. Anlässlich des Welttags des Hörens am 3. März, der in diesem Jahr unter dem Motto „Klingt nach Leben!“ steht, erläutert Dr. Stefan Zimmer, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Hörsysteme-Industrie (BVHI), weshalb ein gesundes Gehör eine Schlüsselrolle für aktives und selbstbestimmtes Altern spielt, welche Innovationen moderne Hörtechnik heute ermöglicht und warum es entscheidend ist, frühzeitig mit der Vorsorge zu beginnen.

ÜBER UNSEREN HÖRGERÄTE-EXPERTEN
Dr. Stefan Zimmer ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Hörsysteme-Industrie (BVHI). In dieser Funktion gestaltet er die strategische Ausrichtung, das politische Lobbying sowie die öffentliche Interessenvertretung der Hörgeräte- und Hörimplantate-Branche in Deutschland. Zudem ist er Generalsekretär des internationalen Herstellerverbandes European Hearing Instrument Manufacturers Association (EHIMA), mit Sitz in Brüssel.
Herr Dr. Zimmer, der Welttag des Hörens steht 2026 unter dem Motto „Klingt nach Leben!“. Was hat es mit diesem Motto auf sich?
„Klingt nach Leben!“ ist bewusst positiv gewählt. Es geht nicht darum, Hörverlust als Defizit zu beschreiben, sondern Hörgesundheit als das zu zeigen, was sie im Alltag wirklich ist. Nämlich eine Schlüsselressource für Teilhabe, Sicherheit, Selbstständigkeit sowie Lebensqualität, und zwar über das ganze Leben hinweg. Wer gut hört, bleibt im Gespräch mit anderen Menschen, fühlt sich in Gruppen wohler, nimmt Warnsignale im Straßenverkehr wahr und bewegt sich allgemein sicherer im Alltag.
Was genau ist denn das Ziel der Kampagne?
Gerade im Kontext von gesundem Altern wird die Hörgesundheit als Ressource noch unterschätzt. Die Kampagne greift deshalb ein Thema auf, das medizinisch und gesellschaftlich immer relevanter wird, denn Hörverlust beginnt häufig schleichend, oft schon ab dem 50. Lebensjahr, bleibt aber über Jahre unentdeckt oder wird verdrängt. Viele Menschen arrangieren sich lange mit dem „Ich höre schon noch genug“, bis die Kommunikation anstrengend wird und man beginnt, Gespräche zu vermeiden. Genau da setzt der Welttag des Hörens an. Wir wollen Hörvorsorge als selbstverständlichen Teil moderner Gesundheitsprävention etablieren, und zwar so selbstverständlich wie andere Vorsorgeuntersuchungen. Ein Hörtest ist unkompliziert und schafft Klarheit. Und wenn eine Versorgung notwendig ist, zeigen Daten wie die EuroTrak Hörstudie Deutschland 2025 sehr deutlich, dass moderne Hörsysteme nicht nur technisch ausgereift sind, sondern Menschen spürbar Lebensqualität zurückbringen. Das ist die Kernbotschaft hinter dem Motto. Der Bundesverband der Hörsysteme-Industrie stellt hierfür auf www.welttag-des-hoerens.de kostenfreies Kampagnenmaterial zur Verfügung, das Hörakustikerinnen und Hörakustiker dabei unterstützt, die Inhalte des Welttags des Hörens in ihrem Umfeld zu verbreiten.
Warum denken Sie, ist das Thema “Hörgerät tragen” trotz medizinischer Notwendigkeit und der modernen, dezenten Technik heute noch immer sensibel besetzt?
Das Thema ist oft deshalb sensibel, weil Hörminderung bei vielen Menschen noch immer mit „alt werden“, Leistungsabfall oder Schwäche verbunden wird. Diese emotionale Komponente wirkt häufig stärker als alle rationalen Argumente. Viele Betroffene warten daher lange, bis sie sich testen lassen oder eine Versorgung überhaupt in Erwägung ziehen. Da ist ein typisches Muster zu erkennen. Man kompensiert, stellt den Fernseher lauter und bittet andere, deutlicher zu sprechen, meidet schwierige Situationen und erst wenn der Alltag spürbar leidet, kommt Bewegung in die Sache. Gleichzeitig zeigen Studien wie EuroTrak sehr deutlich, dass die gesellschaftliche Realität eigentlich eine ganz andere ist als die Befürchtung vieler Betroffener. Die große Mehrheit der Hörsystemträger berichtet, im Alltag keine Stigmatisierung zu erleben, im Gegensatz zu Menschen, die ihre Schwerhörigkeit unversorgt lassen. Wer unversorgt bleibt, fühlt sich oft unsicher, erlebt häufig Missverständnisse und zieht sich eher zurück. Wer versorgt ist, berichtet sehr häufig von mehr Selbstvertrauen, mehr Teilhabe sowie einer erhöhten Lebensqualität. Das Entscheidende ist hierbei jedoch, dass nicht das Tragen eines Hörgeräts zum Problem wird, sondern der Verzicht darauf, eine Schwerhörigkeit zu versorgen. Genau deshalb setzen wir als Bundesverband in der Aufklärung so stark darauf, Vorurteile abzubauen und heben die vielen Vorteile von Hörvorsorge und Versorgung hervor.
In welchem Zusammenhang steht denn eine unversorgte Schwerhörigkeit mit anderen Gesundheitsrisiken konkret?
Unversorgte Schwerhörigkeit hat eine größere Tragweite, als viele denken, weil sie eben nicht nur das Gehör betrifft, sondern das Gehirn und schlechthin das gesamte Leben. Wer schlechter hört, muss ständig mehr Energie aufwenden, um Sprache zu verstehen, wie zum Beispiel in Gruppen, bei Hintergrundgeräuschen oder am Telefon. Das führt vermehrt zu Stress, schnellerer Erschöpfung und dem Gefühl, nicht mehr richtig mitzukommen. Viele Betroffene berichten, wie etwa in der EuroTrak Hörstudie, dass sie Situationen vermeiden, in denen sie sich unsicher fühlen. Das ist der Punkt, an dem Hörverlust zunehmend auch soziale Folgen hat. In der Forschung wird seit Jahren darauf hingewiesen, dass unbehandelter Hörverlust mit einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau assoziiert ist. Auch wenn ein kausaler Zusammenhang nicht abschließend bewiesen werden kann, wird Hörverlust in wichtigen Übersichtsarbeiten, etwa der der Lancet Commission on Global Hearing Loss, als einer der relevantesten, potenziell beeinflussbaren Risikofaktoren einer späteren Demenzerkrankung genannt. Die Mechanismen sind dabei gut nachvollziehbar, denn wenn Kommunikation dauerhaft anstrengend ist, reduziert das häufig die Bereitschaft zur sozialen Aktivität, und zugleich steigt die kognitive Belastung beim Verstehen. Beides kann langfristig Auswirkungen haben.
Wie kann man entgegenwirken, um gesundheitliche Langzeitfolgen zu vermeiden?
Frühe Diagnostik ist dabei besonders sinnvoll. Wer sein Gehör regelmäßig beim HNO-Arzt oder Hörakustiker prüfen und bei Bedarf frühzeitig hörakustisch versorgen lässt, kann Belastungen reduzieren und seine Kommunikationsfähigkeit stabil erhalten. Das ist nicht nur eine Frage von Komfort, sondern eine Frage von Gesundheitsvorsorge und Lebensqualität.

Die heutigen Hörgeräte geben Betroffenen zwar die gewohnte Lebensqualität zurück, allerdings heißt es zunächst sich zu entscheiden, welche Art von Hörgerät denn überhaupt die richtige ist.
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Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bereits in Hörgeräten?
Künstliche Intelligenz ist in modernen Hörsystemen längst Realität, und zwar nicht als Marketingbegriff, sondern als konkreter Nutzen im Alltag. Hörsysteme analysieren heute automatisch Hörsituationen, erkennen zum Beispiel, ob jemand in einem ruhigen Gespräch ist, ob Hintergrundlärm vorliegt oder ob Sprache aus mehreren Richtungen kommt. Darauf basierend passen sie sich dynamisch an, um Sprache besser verständlich zu machen und Störgeräusche zu reduzieren. Für Nutzer bedeutet das vor allem weniger Anstrengung durch mehr Klarheit. Das ist im Alltag entscheidend, denn Hörverlust bedeutet oft nicht nur „zu leise“, sondern „zu unklar“und vor allem „zu anstrengend“.
Wie wird KI die Hörgeräte-Branche künftig noch verändern?
KI wird in Zukunft vor allem in zwei Richtungen weiterentwickelt werden. Erstens: mehr Personalisierung. Hörsysteme werden noch stärker lernen, wie ein individueller Nutzer hört, welche Situationen besonders herausfordernd sind und welche Einstellungen er bevorzugt. Zweitens: mehr Vernetzung. Hörsysteme sind heute schon Teil eines digitalen Ökosystems mit Smartphones, Streaming, Apps und Fernanpassung. Künftig wird das noch selbstverständlicher werden. Damit verändert sich die Hörversorgung auch strukturell, denn sie wird noch facettenreicher, komfortabler sowie näher am natürlichen Hören und sie wird noch stärker dazu beitragen, Teilhabe in allen Lebensbereichen zu sichern.
Welche weiteren Trends zeichnen sich in der Hörsysteme-Industrie ab?
Neben KI und Tele-Audiologie ist ein wichtiger Trend die stärkere Integration von Hörsystemen in die digitale Infrastruktur des Alltags. Ein gutes Beispiel sind neue Bluetooth-Standards wie Auracast Broadcast Audio. Öffentliche Audioinformationen, zum Beispiel Durchsagen an Flughäfen, in Bahnhöfen, Kirchen, Kinos oder bei Open Air-Veranstaltungen, können direkt auf kompatible Hörsysteme übertragen werden, ohne klassisches Pairing und für viele Nutzer gleichzeitig. Das ist ein echter Schritt in Richtung Barrierefreiheit und Inklusion. Im Januar hat der Flughafen Frankfurt, eines der größten internationalen Drehkreuze für den Luftverkehr in Europa, erste Auracast-Sender installiert. Gleichzeitig sehen wir auch eine Weiterentwicklung der Versorgung selbst. Digitale Services, Fernanpassung und hybride Betreuung werden auch in der Hörakustik wichtiger. Das bedeutet aber nicht, dass die persönliche Anpassung beim Hörakustiker vor Ort ersetzt wird, ganz im Gegenteil, sie bleibt zentral. Aber sie wird ergänzt durch digitale Möglichkeiten, die insbesondere im Alltag hilfreich sind, etwa bei Nachjustierungen oder Beratung. Insgesamt geht der Trend dahin, Hörsysteme nicht mehr nur als medizinisches Gerät zu verstehen, sondern als hochentwickelte Assistenztechnologie, die Kommunikation, Sicherheit und Lebensqualität in vielen Lebensbereichen verbessert.

Das Hinter-dem-Ohr-Hörgerät ist ein Hörsystem, das sich für nahezu jede Form von Hörverlust eignet. Das eigentliche Hörgerät sitzt hinter dem Ohr und ist über ein Hörstück mit dem Gehörgang verbunden.
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Im-Ohr-Hörgeräte sitzen direkt im Gehörgang oder in der Ohrmuschel und bleiben dadurch von außen nahezu unsichtbar.
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Gemeinsam mit anderen Partnern engagiert sich der BVHI im Rahmen der Initiative Hörgesundheit für ein gesetzliches Hörscreening ab 50. Was hat es mit dieser Initiative auf sich?
Die Initiative Hörgesundheit ist ein breites Bündnis aus Fachverbänden, Betroffenenorganisationen, HNO-Ärzten, Hörakustikern, Audiologen, Herstellern und Wissenschaft. Gemeinsam verfolgen wir ein sehr konkretes Ziel. Wir wollen, dass ein fachärztliches Hörscreening ab dem 50. Lebensjahr als reguläre Vorsorgeleistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird, ähnlich wie andere etablierte Vorsorgeuntersuchungen. Das Anliegen ist medizinisch und gesellschaftlich gut begründet. Altersbedingter Hörverlust beginnt meistens bereits ab 50, entwickelt sich aber schleichend. Viele Betroffene bemerken ihn lange nicht oder verdrängen ihn. Gleichzeitig zeigen auch die internationalen EuroTrak-Befragungen unter Betroffenen, dass ein unversorgter Hörverlust nicht nur Kommunikationsprobleme verursacht, sondern mit relevanten Folgebelastungen verbunden sein kann, etwa sozialem Rückzug, Stress, höherer kognitiver Belastung und Risiken für kognitive Beeinträchtigungen. Ein strukturiertes Screening würde hier zwei Dinge leisten. Zum einen würde es die Früherkennung verbessern, also genau den Zeitpunkt treffen, an dem man noch gut gegensteuern kann. Zum anderen würde es die Hemmschwelle senken. Denn ein Screening als Vorsorgeleistung sendet ein klares Signal, dass die Hörgesundheit zur normalen Gesundheitsvorsorge gehört. Das ist die zentrale Botschaft der Initiative.

HÖRGERÄTE KOSTENÜBERNAHME
Die wichtigste Voraussetzung für die Kostenübernahme durch Krankenkassen ist, dass eine medizinische Notwendigkeit nachgewiesen ist und Sie sich bei Ihren Ansprüchen in einem gewissen Rahmen bewegen.
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Was kann jeder Einzelne tun, um sein Gehör aktiv zu schützen?
Jeder kann selbst viel für sein Gehör tun. Einer der wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren ist Lärm. Wer regelmäßig in lauten Umgebungen arbeitet oder in der Freizeit starken Geräuschen ausgesetzt ist, etwa in der Werkstatt, bei Maschinenarbeiten, auf Konzerten, in Clubs oder bei Sportveranstaltungen, sollte konsequent einen geeigneten Gehörschutz tragen. Auch beim Musikhören über Kopfhörer gilt es, Lautstärke bewusst zu reduzieren und Pausen einzuplanen. Das sind kleine Schritte, die langfristig einen großen Unterschied machen können. Genauso wichtig ist aber der Vorsorgegedanke. Wer merkt, dass Gespräche anstrengender werden, dass man häufiger nachfragt oder dass das Telefonieren schwieriger wird, sollte nicht warten. Ein Hörtest ist einfach durchzuführen und schafft Gewissheit. Hierbei kann man im ersten Schritt auch Angebote wie Online-Hörtests nutzen. Diese können Orientierung geben und motivieren, das Thema ernst zu nehmen. Sie ersetzen aber keine Diagnose durch einen HNO-Arzt, aber sie erleichtern den Einstieg.
Was bedeutet der Welttag des Hörens für Sie persönlich und wie kann ein solcher Aktionstag auch zukünftig das Thema Hörvorsorge nachhaltig stärken?
Für mich ist der Welttag des Hörens vor allem ein jährlicher Impuls, um Hörgesundheit aus der kommunikativen Nische zu holen. Das Thema betrifft Millionen Menschen, wird aber oft erst dann ernst genommen, wenn Probleme bereits deutlich spürbar sind. Ein Aktionstag wie dieser bündelt Aufmerksamkeit, bringt Fachleute, Politik, Medien und Öffentlichkeit zusammen und schafft die Gelegenheit, über Hörvorsorge so zu sprechen, wie sie eigentlich behandelt werden sollte, und zwar als normaler Bestandteil von Gesundheitsprävention. Es geht bei der Hörvorsorge sowie bei der Hörversorgung um weit mehr als „nur“ darum, wieder gut zu hören. Es geht um mehr Qualität in allen Lebensbereichen, in jedem Alter und genau deshalb passt „Klingt nach Leben!“ als Welttags-Motto 2026 so gut.